Manchmal weiß ich nicht genau, wie alles weitergehen soll. Ich weiß nicht, wie ich mit Mister Mini über Justus sprechen soll. Oder wie ich mit seinen großen Geschwistern umgehen soll, wenn es um das Thema geht. Ich weiß nicht, wie ich mit Menschen umgehen soll, die mich auf Justus ansprechen, oder wie ich selbst davon erzählen soll. Und trotzdem sage ich so oft:
Ich habe mich verpflichtet, dieses Leben weiterzuleben und ihm einen Sinn zu geben.
Vielleicht klingt das hart es „Verpflichtung“ zu nennen. Vielleicht verstehen manche Menschen nicht, was ich meine. Aber für mich ist es ein Wort welches viel Sicherheit ausstrahlt. Sie ist nicht schwer – sie ist entlastend. Sie nimmt mir die Entscheidung ab, jeden Tag neu zu überlegen, ob ich weiterkämpfen will. Ich habe mich entschieden. Ich gehe weiter.
Natürlich resultieren daraus viele Fragen. Wie schaffe ich das? Was brauche ich, um das zu schaffen?
Ein weiteres Wort, das mir dabei oft begegnet, ist Trauerarbeit. Und ich finde, dieses Wort trägt etwas Wichtiges in sich. Es zeigt mir: Was ich tue, was ich fühle, das ist Arbeit.
Und Arbeit heißt nicht, dass man immer Lust dazu hat. Es heißt, dass man dranbleibt, dass man etwas erschafft und man daran wachsen kann. Arbeit ist ein Prozess der einem Hilft sich zu Entwickeln. Innerhalb dieser Arbeit. Ist es okay zu weinen, zu viele Fragen zu haben und sich immer wieder mit neuen und alten Gedanken auseinanderzusetzen.
Ich weine. Ich lache. Ich denke nach. Ich fühle. Ich frage – auch wenn keine Antwort kommt. Das ist nicht umsonst. Das ist Trauerarbeit. Und sie hilft mir, mein inneres Gesetz zu leben: Es geht weiter.
Und dies gibt mich Sicherheit. Sicherheit ist ein tiefes Bedürfnis von uns Menschen. Erwachsene brauchen es. Kinder noch viel mehr.
Kinder brauchen keine perfekte Welt. Sie brauchen keine Reichtümer, keine Supereltern. Sie brauchen Sicherheit. Und Sicherheit entsteht durch Struktur, durch Verlässlichkeit, durch Nähe. Durch Routinen, durch klare Regeln und durch das Gefühl, jemand ist da und übernimmt Verantwortung für die Situation.
Ich überlege oft: Was kann ich gerade leisten? Was ist realistisch? Wo kann ich meinen Kindern gerade „Sicherheit“ anbieten.
Ich kann Mister Mini morgens zur Tagesmutter bringen.
Ich kann ihn zuverlässig abholen.
Ich kann ihm die Sicherheit geben, ihn Wetterentsprechend anzuziehen, ihn einzucremen, ihm die Zähne zu putzen.
Ich kann ihm abends eine Milch geben, ihm vorlesen, mit ihm zur Ruhe kommen.
Ich kann ihm Grenzen setzen, liebevoll und klar.
Ich kann ihm sagen: „Ich bin da.“
Und wenn ich überfordert bin, darf ich das auch sagen. Ich darf meine Ohren zuhalten. Ich darf sagen: „Ich brauche kurz Ruhe.“ Auch das ist Sicherheit. Ich zeige meine authentischen Grenzen auf und übernehme damit eine gewisse eigenverantwortung, dass diese auch respektiert werden.
Und dann halte ich aus. Ich halte seine Frustration aus, dass das Playmobilmännchen nicht auf das Legomotorrat passt, Dass das Auto nur mit Schlüssel im Zündschloss fährt und deshalb nicht von Mister Mini begutachtet werden kann.
Manchmal verzwickt man sich in den Stress, eine Lösung für solche Probleme zu finden. Weil man der erwachsene ist. Manchmal versteht man nicht, wieso das Kind diese Situationen so unerträglich findet. Weil man der erwachsene ist.
Uns so skurril es sich an hört:
Ich gebe mir das Recht und die Verpflichtung, an mir zu arbeiten und jeden Tag Trauerarbeit zu leisten. Ich akzeptiere, dass ich weine, schreie lache. Weil die Realität eine andere ist, als meine Vorstellungen waren. Ich halte aus, dass ich Zeit brauche die Welt so zu akzeptieren, wie sie jetzt ist und ich halte aus, dass Malte Zeit braucht, die Welt so zu akzeptieren, wie sie jetzt gerade ist.
Justus ist tot. Das Playmobil Männchen passt nicht auf das Lego Motorrat. Wie gerne hätte ich, dass Justus lebt und das Playmobil Männchen auf das Motorrat passt. Wir müssen akzeptieren, dass die Realität eine andere ist und einander aushalten, wenn wir jeden Tag aufs neue lernen mit solchen Situationen umzugehen. Und diese Akzeptanz birgt ebenfalls eine Form von Sicherheit.
Ich muss nicht auf alles eine Antwort haben. Ich muss nicht auf jede Unsicherheit hinweisen. Ich kann zeigen, was sicher ist.
Und selbst, wenn ich mich irgendwann irre – wenn ich später denke: Das war vielleicht nicht der beste Weg – zählt, dass ich in dem Moment überzeugt davon war. Denn das spürt Malte. Diese Überzeugung gibt ihm Halt.
Sicherheit bedeutet nicht Perfektion.
Sicherheit bedeutet: Ich bin da. Ich habe dich im Blick. Und ich traue mir zu, dich zu begleiten und übernehme einen Großteil der Verantwortung für die Situation.


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