Lieber Justus,
ich bin gerade bei dir am Grab.
Deine große Schwester hat heute eine Benjamin-Blümchen-Torte bekommen – sie hat sich so gefreut. Und ich habe dir Benjamin mitgebracht. Er lag in meinem Auto. Ich habe Deine Schwester gefragt, ob du ihn haben darfst. Und jetzt steht er hier bei dir.
Ich denke daran, dass bald euer Geburtstag ist. Ich würde Euren Geburtstag gern auch hier mit dir feiern. Aber gleichzeitig weiß ich nicht mehr genau, was „hier“ bedeutet. Was ist „bei dir“? Bist du mehr hier – an diesem Ort – oder wärst du es zu Hause?
Spürst du überhaupt, dass wir hier sind?
Sollte ich einfach realistisch sein – den Tod als endgültig sehen? Aber ich will das nicht. Ich kann das nicht. Ich wünsche mir so sehr, dass du irgendwie da bist.
Und dann ist da dein Zwillingsbruder. Ich frage mich, ob es gut für ihn wäre, hier zu feiern. Ob er es später verstehen wird – oder mir vorwerfen wird. Vielleicht wird er sagen, dass er nicht wirklich „leben“ konnte, weil seine Geburtstage so oft mit dem Tod verbunden waren. Vielleicht wird er sagen, dass ich ihn nicht als eigenständige Person gesehen habe. Dass ich etwas von ihm erwartet habe, was er nie leisten konnte. Vielleicht wird er denken, dass er nie genug war, weil er dich nicht zurückbringen konnte.
Diese Angst ist tief in mir. Und ich weiß nicht, wie ich das verhindern kann. Ich will nicht, dass er sich verantwortlich fühlt. Dass er das Gefühl hat, ständig gegen ein Ideal ankämpfen zu müssen, das niemand erreichen kann – weil es durch deinen Tod unberührbar geworden ist.
Und dennoch möchte ich dich feiern. Jedes Jahr. Ich möchte an dich denken und von dir reden können.
Ich will, dass ihr beide nebeneinander existieren dürft – so wie damals, in meinem Bauch. Nebeneinander. Nicht einer als Last für den anderen. Nicht einer als Schatten des anderen. Sondern jeder mit seinem Platz in meinem Herzen. Du – als Erinnerung, als Teil von uns. Und Malte – lebendig, kraftvoll, in der Welt.
Ich möchte nicht, dass Mr. Mini dein Leben tragen muss. Dass er glaubt, du wärst immer der Geduldigere, der Klügere, der Stärkere. Nicht, weil ich dich so darstelle. Sondern weil es so leicht passiert, dass wir uns die Verstorbenen so vorstellen. Vollkommen. Ideal. Unerreichbar.
Aber er ist hier. Er ist real. Er wird Dinge richtig machen. Und Dinge falsch. Er wird laut sein. Und zärtlich. Stolz. Und manchmal wütend. Und genau das macht ihn lebendig. Und wertvoll. Ich möchte, dass er das spürt. Dass er genug ist.
Und trotzdem möchte ich dich bewahren. In unseren Erinnerungen. In unseren Geschichten. Ich möchte, dass dein Bruder weiß, dass er einen Bruder hat. Einen Bruder, der Teil von ihm ist – in seinem Herzen, in meinem Herzen. Einen Bruder, der ihn nicht schwächt, sondern stärkt.
Eine Art unsichtbare Freund mit dem man über alles reden kann.
Aber ich weiß nicht, wie. Ich weiß nicht, wie ich das alles leben kann, ohne dass es zur Last wird. Für mich. Für ihn. Für uns.
Du bist keine Last. Du bist ein Wunder und genauso möchte ich deine Erinnerung weiter tragen so lange ich kann.
Ich möchte an dich denken. Ich möchte dich fühlen. Aber ich möchte mit dir lachen. Und nicht nur weinen.
Ich liebe euch so sehr!



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