Die Zeit vergeht so schnell

August, September, Oktober – die Zeit vergeht rasend schnell. 

Neun Monate, fast zehn bist du schon nicht mehr bei uns. Manchmal fühlt es sich so gefährlich normal an. An das permanente Ziehen in der Brust hat man sich schon gewöhnt, wie ein Schnupfen, den man einfach nicht losbekommt. Als wärst du doch noch da und man erwartet jeden Moment, dass du mir einen Kuss auf den Mund drückst und in unsere Wohnung läufst.

Und irgendwie machst du dies auch noch. Immer wenn ich deinen Bruder aus der Kita hole, ihn nachts in mein Bett umtopfe, wenn ich schlafen gehe oder er in meine Arme fällt, lässt das ziehen ein kleinwenig nach. 

Der Sommer war viel. Viel zu viel für uns alle. Es gab Menschen, die über unsere Situation entscheiden und unser Handeln bestimmen wollten. Sie glaubten, sie wüssten was gut für uns ist. Sie glaubten, ihre Bedürfnisse nach Liebe und Nähe wären gleichzusetzten mit unseren und wäre identisch zu erfüllen.  

Aber so war es nicht. Also haben wir gelitten. Über Monate haben wir gekämpft. Wie ein Fiebertraum erscheint mir diese Zeit, wenn ich mich jetzt daran erinnere. 

Dein Bruder brauchte Sicherheit. Struktur. Und man gab ihm die Angst, wieder alles verlieren zu können. Die Wochen hat er so wenig geschlafen und so viel geweint. So wie ich, die zwischen meiner Arbeit – unserer finanziellen Existenzgrundlage – und deinem Bruder zwitschern musste. Nie das Gefühl haben konnte, es gut zu machen und immer viel zu wenig geben zu können, als benötigt wurde. 

Deine Schwester musste viel auffangen und den Stress und die Unruhe ertragen. 

Keine Ahnung wie wir diese Zeit überlebt haben. 

Und jetzt? – Justus, wir haben es geschafft!

Dein Bruder fühlt sich gut. Er ist dort, wo er ist, genau richtig. Er hat das erste Mal, seitdem du weg bist, wieder Sicherheit gefunden. Er kann mich loslassen, weil er weiß ich komme wieder. Weil er weiß, dort wo er gerade ist, wird Verantwortung für ihr übernommen. Er lacht so viel und kann wieder ganz viel liebe von so vielen Menschen zulassen. 

Jetzt ist es noch immer nicht wenig und wir müssen uns zurechtfinden in unserem neuen Leben, aber es gibt Menschen, die uns sehen und verstehen, dass wir, um das gleiche zu fühlen, wie andere, ganz andere Dinge benötigen. 

Weil wir die Sicherheit verloren haben, dass alles gut wird, aber wir lernen können, dass das Leben dennoch kostbar und schön ist. 


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