Lebensfeier

Für Justus wurde nach seiner Beerdigung eine Lebensfeier organisiert. Dank der Hilfe von vielen Freunden wurde ein wunderschöner Raum erschaffen der Platz für Leben, Tod, Trauer und Hoffnung bot. Für uns und für Justus verfasste ich damals einen Text, der mir noch immer Mut gibt. Diesen möchte ich auch hier für Euch veröffentlichen:

Zwei Punkte im tiefsten Schwarz.
So unfassbar unwirklich
zeigten uns ein neues Universum auf zwei Streifen Thermopapier.
Die Punkte wurden zu Köpfen, zu Armen, zu Beinen und drängten sich immer mehr in unsere Welt.
Dann sind sie hier.

„Wir schaffen das!“, sagten wir uns damals, als alles neu war, überfordernd, wunderbar belastend.
„Wir schaffen das!“, als geschrien wurde, als die Bäuche schmerzten, als kein Kinderlied half, als das Fieber, die Zäpfchen, der Husten kamen und wieder gingen.
„Wir schaffen das“, als plötzlich das Leben von Justus am seidenen Faden hing.

„Er schafft das!“, sagte ich mir oft genug, um mein Herz vor dem Zerbrechen zu bewahren und für etwas mehr von dem, was mir wirklich gut tut.
In dieser Zeit.

Jetzt schreie ich manchmal in mich hinein: „Wir schaffen das“, damit mir nicht der Mut ausgeht.
Weil 5–1 ganz furchtbar schlimm ist, aber Aufgeben nicht geht.
Weil da noch eine Vier steht, die leben möchte. Mit Eltern, die eine Zukunft sehen und Hoffnung verstehen.

Manchmal frage ich mich, wie das klappen kann und wie und was und vor allen Dingen wann.
Normalität sich so entsetzlich falsch anfühlt, aber das Einzige ist, was funktioniert.
Oder funktionieren kann, wenn man es schafft, es zuzulassen.

Vielleicht, wenn man nicht mehr an einen Albtraum glaubt, wenn man kontinuierlich im Hier und Jetzt lebt und sich nicht durch das Denken an die Zukunft die Luft zum Atmen raubt.

Vielleicht bedeutet das, dass ich nicht weiß, wie genau das geht und mein „Wir schaffen das“ nur durch die Hoffnung im Raum steht, dass für uns das Leben weitergeht.
Weitergehen muss.

Und der Glaube, dass er immer bei uns ist und uns perspektivisch gesehen mehr Kraft gibt, als uns Kraft nimmt und dass er, auch wenn er nicht greifbar ist, unseren Weg bestimmt.

Dass er hier nicht ist, heißt nicht, dass er jemals unglücklich war oder jetzt ist.
Es heißt nicht, dass er traurig ist,
dass wir ihn vergessen,
dass er sich einsam fühlt.

Und das kann etwas trösten, oder?

Dass wir trauern, bedeutet, dass er bei uns war, was er physisch jetzt nicht mehr ist, dass WIR mit ihm gerne mehr Zeit gehabt hätten, dass unsere Vorstellungen von der Realität abweichen und wir darunter leiden.
Wir, nicht er.
Er kann die Trauer, das ganze Denken einfach meiden.

„Wir schaffen das“ heißt zu verstehen, dass wir ein anderes Leben leben müssen als das, welches wir mit ihm vorhatten zu gehen. Und akzeptieren sollten, dass es unsere Trauer und nicht seine ist, die wir aushalten müssen und die so stark brennt, wenn jemand seinen Namen nennt.

Ich trauere für mich, um für ihn zu streben, an einem „Wir schaffen das“ – mein Geschenk an sein Leben.


Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar