28.07.2026. Seit 1,5 Jahren leben wir nun mit der Aufgabe, ohne Dich aber für Dich zu leben. Ein halbes Leben lebt Mr. Mini nun ohne seinen Zwillingsbruder und ich weiß noch immer nicht, wie er dieses Leben wirklich wahrnimmt. Wie er sich sein Leben erklärt. Vor kurzem feierten wir Euren dritten Geburtstag.
Am Grab und zuhause. Wie so oft habe ich ein paar Zeilen geschrieben mit Worten, die mir in dieser Zeit durch den Kopf gegangen sind…
Wisst ihr noch?
Wisst ihr noch, wie Sand schmeckt?
Wie nasses Gras riecht? Wie sich heißer Asphalt unter nackten Füßen anfühlt? Wisst ihr noch, wie Metall auf der Zunge gekribbelt hat? Oder wie Sonnencreme gerochen hat, wenn endlich Sommer war?
Ihr wisst es noch.
Nicht, weil ihr euch irgendwann gesagt habt: Daran will ich mich später erinnern.
Sondern weil ihr alle mal drei wart.
Damals bestand die Welt nicht aus Terminen oder To-do-Listen. Sie bestand daraus, Dinge anzufassen. Zu riechen. Zu schmecken. Zu gucken, was passiert. Und manchmal eben auch daraus, Sachen abzulecken, die man besser nicht abgeleckt hätte.
Heute ist Mr. Mini drei.
Und ich schaue ihm so oft dabei zu, wie er eine Welt entdeckt, von der ich dachte, ich würde sie längst kennen.
Für ihn ist nichts selbstverständlich.
Ein Käfer kann wichtiger sein als der Weg, den wir eigentlich gehen wollten.
Ein Stock ist nie einfach nur ein Stock.
Und ein Stein kann so besonders sein, dass er auf gar keinen Fall liegen bleiben darf.
Mr. Mini spricht noch nicht viel.
Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass er mir mehr zeigt, als ich ihm.
Während ich versuche, alles zu verstehen, lebt er es einfach.
Er bleibt stehen.
Ich gehe weiter.
Er schaut hin.
Ich denke schon an morgen.
Und dann reicht ein einziges: „Mama.“
Nicht, weil er mir etwas erklären will.
Sondern weil er möchte, dass ich hinschaue.
Dass ich den Käfer sehe.
Oder die Pfütze.
Oder diesen einen Stein, der für ihn gerade die ganze Welt bedeutet.
Ich glaube, Erwachsene planen so viel, weil das Morgen sich leichter anfühlt.
Im Morgen kann man noch etwas verändern.
Man kann hoffen, dass Dinge anders werden.
Dass Entscheidungen besser werden.
Dass es irgendwann leichter wird.
Seit Justus weiß ich aber, dass es eine Zukunft gibt, die sich nicht mehr verändern lässt.
Und vielleicht fällt es mir genau deshalb manchmal so schwer, wirklich im Heute zu sein.
Weil das Heute keine Möglichkeit mehr ist.
Es ist einfach da.
Mit allem, was schön ist.
Und mit allem, was weh tut.
Vielleicht ist genau das das Geschenk, das Mr. Mini mir macht.
Er holt mich zurück.
Nicht mit großen Worten.
Nicht mit Erklärungen.
Sondern mit einem Käfer.
Einer Pfütze. Einem Stock.
Und einem leisen „Mama“.
Als würde er sagen:
„Schau! Nicht nach vorne. Nicht zurück.
Das Leben ist jetzt!“
Vielleicht ist das das größte Geschenk, das ein dreijähriges Kind einem Erwachsenen machen kann:
Nicht, ihm die Zukunft zu zeigen.
Sondern ihn immer wieder ins Heute zurückzuholen.
Lieber Mr. Mini, lieber Justus. Alles Liebe zu Euerm dritten Geburtstag 🎈

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